Bild der Wissenschaft
Mathe keine naturgegebene Männersache
„Ich bin zu schön für Mathe“ – diesen Slogan gibt es sogar auf einem T-Shirt für Mädchen. Mathematik sei eher Männersache – so das Klischee und auch einige Untersuchungen schienen diese Regel bisher zu untermauern. US-Forscher sagen nun: Der gekonnte Umgang mit Zahlen und Logik hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern vielmehr mit Gleichberechtigung.
Von Marion Martin
Der Mathematiker Jonathan Kane und die Medizinerin
Janet Mertz sind bei ihrer Studie erneut der Frage nachgegangen, ob es
tatsächlich einen angeborenen Unterschied bei der mathematischen
Begabung zwischen Männern und Frauen gibt. Einige Untersuchungen haben
bisher belegt, dass Männer durchschnittlich etwas bessere Leistungen in
Mathematik zeigen. Dabei blieb aber immer die Frage offen, ob dieser
Unterschied biologisch bedingt ist oder durch die Kultur geprägt wird.
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben Kane und Mertz nun die
Mathematik-Kenntnisse aus umfangreichen Datensammlungen vieler
unterschiedlicher Staaten miteinander verglichen. „Es war erstmals eine
kulturelle Analyse möglich“, erläutert Janet Mertz. „Ein solcher
Vergleich fehlte bisher, da vor allem viele nicht-westliche Länder in
den Studien zum Bildungsstand ihrer Bevölkerung fehlten.“ Die Forscher
konnten nun bei den Daten ein besonderes Augenmerk auf Ausbildung
allgemein, Einkommen, Gesundheit und politische Aktivität beider
Geschlechter legen.
Dabei stellten sie zunächst ebenfalls fest, dass global betrachtet
Männer und Jungen etwas besser in Mathe abschneiden als ihre weiblichen
Vergleichsgruppen. Bei der Betrachtung einzelner Länder stießen die
Wissenschaftler dabei jedoch auf große Unterschiede, die einen
kulturellen Ursprung dieses Unterschiedes nahelegen. Den Analysen
zufolge haben sich in vielen westlich geprägten Ländern Frauen immer
mehr an das Niveau der Männer angenähert oder gar mit ihnen
aufgeschlossen. So stieg allein in den USA der Anteil graduierter
Mathematikerinnen in den vergangen 40 Jahren von 5 auf 30 Prozent. Eine
Entwicklung, die nach Mertz und Kane gegen eine geschlechtsspezifische
Veranlagung spricht. Denn dann müssten geschlechtsspezifische
Unterschiede in mathematischem Verständnis in allen Ländern – unabhängig
von der Qualität der Ausbildung – gleich sein und dürften sich auch im
Laufe der Jahre nicht verändern, so die Wissenschaftler. Die Forscher
stellten aber das Gegenteil fest und kommen deshalb zu der
Schlussfolgerung: Entscheidend für das mathematisches Verständnis ist
nicht das Geschlecht, sondern soziale und kulturelle Faktoren.
Bei mehr Gleichberechtigung sind beide Geschlechter in Mathe besser
Die Auswertungen ergaben auch, dass die Leistungen in Mathematik bei den
Frauen klar an das Niveau der Gleichberechtigung in einer Kultur
gebunden sind. In männlich dominierten Ländern des Mittleren Osten wie
beispielsweise Bahrein oder Oman schneiden Mädchen im Bezug auf ihre
mathematischen Kenntnisse vergleichsweise schlecht ab. Die überraschende
Erkenntnis der Forscher war aber, dass auch die Jungs in diesen
ausgesprochen patriarchalen Kulturen schlechter in Mathe sind: „Wir
haben herausgefunden, dass sowohl Jungen als auch Mädchen in Mathematik
eher besser abschneiden, wenn sie in einem Land aufwachsen, in denen
Frauen gleichberechtigt sind. Das ist neu und wichtig“, sagt Kane.
Jonathan Kane und Janet Mertz (University of Wisconsin-Whitewater; University of Wisconsin, Madison): Notices of the American Mathematical Society, doi: 10.1090/noti790
(Redaktion)
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Tags:- Mathematik
- Forschung
- Geschlecht
- Gleichberechtigung
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