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 02.05.2010  

Universität Bonn
Mit Soziologie im Kopf sieht man anders

Bei ihren Studenten hat sie den Status einer "modischen Stilikone". Von just diesen Studenten erfährt man auch, dass in ihrem Büro ein Zitat von Albert Einstein hängt: "Was Sie über meine Person publizieren, ist mir gleichgültig". Ganz so gleichgültig war es der Bonner Professorin, Dr. Doris Lucke, im Interview mit Karin Bäck dann doch nicht.

Alter? Ohne Angabe. Schätzung? Von Studentin bis reife Frau ist alles möglich. Geburtsort? Die Gold- und Silber-Stadt Schwäbisch Gmünd. Wohnsitz? München und Bonn. München ist der Ort, wo sie gerne auch kulturell auftankt. Besondere Kennzeichen? Ausgefallenes, sorgfältig komponiertes Outfit. Professor Dr. Doris Lucke ist seit 1998 Professorin am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn. Sie ist nicht nur die erste Frau, sondern die erste Person überhaupt, die 1994 in Bonn die Lehrberechtigung, also die venia legendi, für das Fach Soziologie erhält.

Begeisterte Vollblut-Soziologin

Doris Lucke wächst in einer Gablonzer Schmuckwarenerzeugerfamilie auf. Als ihr Vater starb, sie war gerade fünf Jahre alt, führt die Mutter die Bijouteriefabrikation alleine weiter. Zu Hause etabliert sich zusammen mit der Großmutter – ihr verdankt sie langjährigen Klavierunterricht - ein Drei-Generationen-Frauenhaus. Ihr Abitur macht sie mit 18 im "Backfischaquarium", einem gläsernen Mädchengymnasium. Note? Eins. Streberin? "Nee. Ich war immer schon sehr leistungsorientiert und wissbegierig. Das Lernen ist mir leicht gefallen," so die Soziologin. Zügig bzw. schnell vorankommen, scheint eine ihrer Lebensdevisen zu sein. "Ich wollte auch nie lange Studentin, sondern etwas sein." An der LMU München beginnt Doris Lucke zunächst ein Doppelstudium in Soziologie ("Risiko") und Mathematik ("Sicherheit"), beides auf Diplom. Soziologie gefällt ihr, weil es ein Fach ohne festes Berufsbild ist. Und inhaltlich fasziniert sie, dass die Soziologie zwischen Politikwissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Volkswirtschaftslehre und Zeitgeschichte ein weites Wissensfeld abdeckt. Bis heute ist sie begeisterte Vollblut-Soziologin, weil es auf dem Gebiet stets Neues zu entdecken gibt und das Fach damit nie langweilig wird. Trotzdem fällt es ihr beim Vordiplom schwer, Mathematik abzuwählen. "Ich hätte dann aber noch Informatik und Physik belegen müssen sowie Soziologie mit den Nebenfächern Psychologie und Philosophie. Das hätte selbst meine Kapazitäten gesprengt", erklärt die Professorin.

Doktorarbeit in sechs Monaten

Nach dem Vordiplom wird Doris Lucke eine Stelle als studentische Hilfskraft angeboten und sie greift zu. Heute weiß sie, dass ein "Hiwi"-Posten oft der Königspfad zur Professur ist. Ihr Diplom macht sie in neun Semestern mit „sehr gut“. Direkt im Anschluss bekommt sie an einem Sonderforschungsbereich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Promotionsmöglichkeit. Wie schon gesagt, bei ihr muss alles schnell gehen. Ihre Dissertation im Überschneidungsbereich von Soziologie und Jurisprudenz schreibt sie in sechs Monaten bei ihren Doktorvätern Karl Martin Bolte, einem der bedeutendsten Nachkriegssoziologen, und dem Rechtswissenschaftler Andreas Heldrich, dem späteren Vorsitzenden des Wissenschaftsrats und Rektor der LMU. Ergebnis? Ein Dr.rer.pol. „magna cum laude“.

Schwerpunkt Gender Studies

Nach Tätigkeiten als Dozentin an der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg sowie als Forschungsreferentin in der Arbeitskräfteforschung und sozialwissenschaftlichen Politikberatung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung bewirbt sich Doris Lucke 1988 an der Bonner Universität und beginnt als Assistentin bei Prof. Friedrich Fürstenberg mit dem Ziel der Habilitation. In ihrer Habilitationsschrift beschäftigt sie sich mit der These, dass Akzeptanz in unserer Gesellschaft immer weniger selbstverständlich ist und das Ringen um sie umso wichtiger. Der Nicht-Soziologe staunt, aber inzwischen ist sie als Expertin für Akzeptanzfragen nicht nur des Rechts, sondern zum Beispiel auch im Bereich der Sicherheitstechnik gefragt. Ihre Interessenschwerpunkte heute sind u.a. Gender Studies, Rechtssoziologie, Familiensoziologie mit Schwerpunkt Familienrecht und neue Lebensformen, das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften sowie life sciences und Sozionik - ein neues Forschungsgebiet zwischen Soziologie und Technik, das unter anderem die Schnittstelle Mensch-Maschine thematisiert. Im Rahmen ihrer Bonner Professur ist Doris Lucke u.a. tätig als Vertrauensdozentin für die Friedrich-Ebert-Stiftung und als Mitherausgeberin der Zeitschrift für Rechtssoziologie. Daneben war sie lange Jahre Sprecherin der Sektion Rechtssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und Mitglied in deren Konzil. Zwischendurch „geht“ sie immer wieder mal „fremd“ und lehrt nach einer Forschungstätigkeit an der Universität Bremen an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an den Universitäten Zürich und Salzburg.


Verdeckte Mechanismen benachteiligen Frau

Career-Women : Frau Lucke, Sie sind seit mehr als 10 Jahren assoziierte Professorin im Netzwerk Frauenforschung Nordrhein-Westfalen. Was macht dieses Netzwerk?

Doris Lucke: Das Netzwerk Frauenforschung ist ein in den 1980er Jahren aufgebauter Zusammenschluss von derzeit 160 Wissenschaftlerinnen in NRW und dient der Weiterentwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung in allen Wissenschaftsdisziplinen sowie deren Zusammenarbeit.

Career-Women: Es gibt heute viele Frauen, die ihr Studium mit Bestnoten abschließen, vielleicht noch promovieren, aber danach in der Versenkung verschwinden. Wollen diese Frauen keine Karriere machen oder was ist der Grund?

Doris Lucke: Da laufen verdeckte Mechanismen ab, die mit Qualifikation manchmal nur bedingt zu tun haben. Klar ist doch, dass niemand freiwillig Macht abgibt oder bereit ist, sich ein bereits besetztes Feld zu teilen. Weshalb sollten Männer so dumm sein und sich unliebsame Konkurrenz durch Frauen schaffen? Also muss man ihre Zahl klein halten. Das funktioniert bspw. über Networking, was Frauen erst relativ mühsam lernen müssen. Man weiß, dass Männer eher nach oben networken, während Frauen dies eher auf gleicher Ebene oder nach unten tun. Das ist strategisch unsinnig. Hinzu kommt, dass Frauen regelrecht dressiert werden, sich wie Männer zu verhalten. Wenn sie das nicht wollen, können sie nicht Teil des Spieles sein. Ich persönlich bin mir auch nicht sicher, ob ich dieses Spiel wirklich mitspielen will. Wenn ich alles ausschließlich unter Karrieregesichtspunkten sehen würde, dann dürfte ich mich bspw. gar nicht sonderlich um die Studierenden kümmern, weil das unter diesem Gesichtspunkt nichts bringt. Stattdessen müsste ich auf wichtigen Kongressen auftauchen, viel publizieren und ständig Forschungsmittel einwerben.

Ein Roleback zu alten Geschlechterrollen

Career-Women: Glauben Sie, dass die junge Generation weniger Probleme mit der Gleichberechtigung in Beruf und Familie hat?

Doris Lucke: Nicht unbedingt. Ich beobachte - und damit stehe ich nicht alleine -, dass es einen sogenannten Roleback, also einen Rückschritt, gibt. Das heißt, dass die alten Geschlechterrollen teilweise wieder neu aufleben. Ulrich Beck, einer der bekanntesten zeitgenössischen Soziologen und Autor des Bestsellers "Risikogesellschaft", hat das ganz gut beschrieben. Auf rhetorischer Ebene haben wir natürlich diese Gleichberechtigung. Kein Mann, der einigermaßen bei Sinnen ist, wird öffentlich sagen, dass er gegen die Gleichberechtigung ist. Aber das praktische Handeln ist ein Anderes. Die Männer, die heute zwischen 30 und 40 sind, haben vergleichsweise viel von der Frauenbewegung mitbekommen. Sie sind die egalitärste Altersgruppe männlichen Geschlechts. Aber das sind häufig auch diejenigen Männer, die beruflich weniger erfolgreich sind. Sie stecken auch schon mal zugunsten der Karriere ihrer Frau zurück oder bleiben – wir reden hier von homöopathischen Dosen - bei den Kindern. Sie kommen aber eher selten in männlichen Vorbild- oder Führungsfunktionen vor.

Career-Women: Und was ändert sich bei den jungen ambitionierten Frauen?

Doris Lucke: Die Generation der heute 30- bis 35-jährigen Frauen ist ganz „taff“, zieht ihr Ding durch und bekommt in der Regel keine Kinder. Das hat fatale Folgen, weil, wie man inzwischen weiß, die Qualifikation der Mutter einen außerordentlich starken Einfluss auf den schulischen Erfolg der Kinder hat. Wenn gerade diese Frauen keine Kinder bekommen, dann armes Deutschland!

Career-Women: Bleiben wir bei der Gleichstellung. Eine Architektin, die mit 40 Vorstandsmitglied geworden ist, erzählte mir, dass sie in ihrer ganzen beruflichen Laufbahn von Männern immer unterstützt und gefördert wurde. Die Vorbehalte gegen Frauen gäbe es in ihrer Generation nicht mehr. Trotzdem wird immer noch von der "gläsernen Decke" gesprochen. Was ist nun richtig?

3 Minuten für das Outfit, Copyright: Marc Holzenbecher
3 Minuten für das Outfit

Doris Lucke: Ich bin davon überzeugt, dass es diese "gläserne Decke" tatsächlich gibt. Auch möchte ich anzweifeln, ohne diese Frau zu kennen, ob das tatsächlich so war. Es gibt hier bewusst oder auch unbewusst eingesetzte Strategien, die wir auch als SoziologInnen erforschen. Wenn eine Person sagt, sie sei benachteiligt, dann wird sie dies auch. Die sehr viel offensivere Strategie ist die der zitierten Frau. Sie sagt, das ist Schnee von gestern und wenn Frau was werden will, dann wird sie das auch.

Career-Women: Und was spricht gegen die offensive Strategie?

Frauen verschwinden einfach

Doris Lucke: Gar nichts. Aber ich habe zusammen mit Kolleginnen an der Universität Bonn eine interdisziplinäre Studie zum Thema "VorBilder" gemacht. Ausgangspunkt des Forschungs- und Ausstellungsprojekts war, dass wir seit der Jahrtausendwende mehr weibliche Studienanfänger haben als männliche. Trotzdem gibt es keine Identifikationsfiguren weiblichen Geschlechts, die zum Beispiel in Form von Skulpturen, Büsten oder Gemälden innerhalb der Universität Bonn sichtbar wären. Es wird einfach vergessen und verdrängt, dass es auch in der Vergangenheit schon Frauen in der Wissenschaft gab. Das beweist einmal mehr, dass die verdeckten Mechanismen der Macht schon vorher greifen. Man gibt den Frauen mehr oder weniger unverhohlen zu verstehen, dass das nichts wird, lass mal die Finger davon. Die vielen Frauen, die dazu etwas sagen könnten, die sehen Sie nicht. Die verschwinden einfach.

Career-Women: Sind Kinder der Grund? Sie selbst sind ja Mutter.

Doris Lucke: Die K-Frage spielt immer noch eine große Rolle. Bei Berufungsverfahren spielt bspw. die Länge des Publikationsverzeichnisses eine Rolle. Wenn Sie ein Kind haben, dann können Sie allein aus Zeitgründen nicht so viel veröffentlichen und haben im Allgemeinen auch nicht so viele Auslandsaufenthalte aufzuweisen. Hochschullehrerinnen sind bezeichnenderweise meist kinderlos.

Career-Women:  Angenommen, es würden mehr Unternehmen Kinderbetreuung organisieren und flexible Arbeitszeitmodelle anbieten. Würden sich dann Ihrer Meinung nach mehr Frauen für einen Job im Topmanagement interessieren?

Doris Lucke:  Die Infrastruktur für Kinderbetreuung anzubieten, das ist schon mal ein guter Ansatz. Aber ich weiß nicht, ob das eine erstrebenswerte neue Arbeitswelt ist, in der sozusagen das gesamte Restleben outgesourct wird.

Career-Women: Ist das nicht ein bisschen überzeichnet?

Konversion von Berufs- und Privatsphäre

Doris Lucke:  Es gibt eine hochinteressante Studie von Arlie Russell Hochschild über ein amerikanisches Unternehmen, das Preise für besondere Familienfreundlichkeit gewonnen hat. Die Menschen, die in dieser Firma arbeiten, finden das ganz toll und sind stolz. Aber sie leben nur noch für die Firma. Deswegen heißt der Untertitel der Studie „The Time Bind“ auch "When work becomes home and home becomes work". Die Folge ist eine völlige Revolution von Berufs- und Privatsphäre. Wir haben dann eine Konversion beider Bereiche. Die Konsequenz wäre, dass das Leben außerhalb des Berufs ohne Menschen stattfindet. Ich persönlich habe immer gern Kindergeburtstage veranstaltet und dafür lieber etwas anderes liegen gelassen.

Career-Women: Bleibt die Frage, ob Frauen überhaupt daran interessiert sind, einen Vorstandsposten zu ergattern?

Doris Lucke: Einerseits ist das ja vielleicht ein Stück weiblicher Klugheit, eine Art female intelligence, sich davon fern zu halten und sich nicht zur Abhängigen des Terminkalenders, der Macht und des Geldes zu machen. Andererseits gibt es, Sie erwähnten das bereits, die Geschlechterparadoxie – Männer sind mittelmäßig qualifiziert, machen aber trotzdem Karriere –. Das funktioniert, sie müssen nur ein bisschen nachsozialisiert werden. Die Europakommissarin Michaele Schreyer wurde damals bei ihrer Bewerbung wie ein Schulmädchen in der Öffentlichkeit vorgeführt. Bei Günther Oettinger hat nicht einmal das schlechte Englisch eine Rolle gespielt. Man hat ihn auch so genommen.

Career-Women: Sind die Frauen vielleicht selbst Schuld daran, dass Männer ihnen die Spitzenjobs wegnehmen? Wenn es um die Neubesetzung einer Führungsposition geht, rufen Männer bekanntlich „hier“, Frauen warten, dass man auf sie zukommt. Kann Frau lernen, offensiv zu sein?

Doris Lucke: Natürlich kann sie das lernen. Unsere Musiklehrerin im Backfischaquarium hat bspw. immer gesagt: 'Gewöhnt Euch Eure Piepsstimmen ab. Wenn ihr etwas werden wollt, legt die Stimme tiefer'. Problem ist, dass immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird. Wenn ich so selbstbewusst auftreten würde, wie das Kollegen teilweise tun, dann hieße es: Sie überschätzt sich. Bei einem Mann wirkt das authentisch. Das heißt, zu ungleichen Strukturen kommen Kulturen der Ungleichheit. Die Wechselwirkung beider Faktoren ist sicherlich dafür verantwortlich, dass wir diese Unterrepräsentanz von Frauen in Spitzenpositionen immer noch haben. Das wird man nicht mit ein paar Schulungen verändern können. Es geht vielmehr darum, diese Unterschiede, ihre menschen- resp.- männergemachten Ursprünge und ihre prinzipielle Veränderbarkeit transparent zu machen.

Career-Women: Klaus Hurrelmann, Professor emeritus für Sozial- und Gesundheitswissenschaften, warnt: Frauen könnten bald nicht mehr die passenden Männer finden, weil die "weiblich dominierten frühen Sozialisationsräume und die hier vermittelten impliziten weiblichen Edukationsziele den Entwicklungs- und Lernbedürfnissen von Jungen" nicht gerecht werden. Müssen wir uns in Zukunft nicht mehr mit der Gleichstellung der Frau beschäftigen, sondern mit dem psychisch traumatisierten Mann?

Doris Lucke: Da kann ich nur sagen, dass diese Entwicklung selbstverschuldet ist. Man kann professionspsychologisch nachweisen, dass ein regelmäßiger Zusammenhang zwischen der Verweiblichung von bestimmten Tätigkeiten und deren gesellschaftlicher Abwertung besteht. Es wäre nie zu dieser Situation gekommen, wenn man die so genannten weichen Berufe nicht auf die Frauenschiene gesetzt hätte. Ich finde das ein wunderbares Lehrstück, weil Männer jetzt erstmals zu spüren bekommen, was sie mit ihren Strategien für unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzielen und kann nur hoffen, dass sie daraus lernen.


 

(Karin Bäck)

  • Tags:
  • Prof. Dr. Doris Lucke
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  • Lebensweg
  • Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität
  • Bonn

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Marcel Gluschak
Bild Nr. 2 © Marc Holzenbecher

 

 

1 Kommentar »

03.12.12 15:56 Uhr
Annonym
Alles andere als Soziologin
Gehübschte Darstellung. In Wirklichkeit sture, intrigante Person die sich nicht scheut ihr politischen Einflüsse über geltendes Recht zu setzen.
 Ihr Kommentar


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