Deutsches Primatenzentrum
Neurowissenschaftlerin gewinnt Förderpreis 2011
Martin Surbeck und Stephanie Westendorff gewinnen jeweils 1000 Euro und ein sechsmonatiges Stipendium an einem Institut eigener Wahl. Eine herausragende Forschungsarbeit mit oder über nicht-menschliche Primaten abgeschlossen zu haben – das ist die Voraussetzung, um eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Nachwuchswissenschaftler in Deutschland zu gewinnen, den Förderpreis des Deutschen Primatenzentrums (DPZ).
In diesem Jahr wird der Preis ausnahmsweise zwei Mal vergeben, an Martin
Surbeck vom MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und an
Stephanie Westendorff vom DPZ in Göttingen. Sie erhalten jeweils 1000
Euro und ein sechsmonatiges Stipendium, um an einem Institut eigener
Wahl ein primatenbezogenes Forschungsprojekt durchzuführen. Die
Preisverleihung mit Vorträgen der Gewinner findet am 1. November um
18:15 Uhr im Hörsaal des Deutschen Primatenzentrums, Kellnerweg 4, in
Göttingen statt. Besucher sind herzlich zu der Veranstaltung eingeladen.
Martin Surbeck (35) hat an der Universität Zürich Zoologie studiert und
in Bangalore, Indien, seine Diplomarbeit über Fortpflanzungsstrategien
von Wespen angefertigt. Nach anschließendem Abschluss des
Lehramtsstudiums ging er ans Max-Planck-Institut für Evolutionäre
Anthropologie nach Leipzig, um dort zu promovieren. Seine im September
abgeschlossene Doktorarbeit beschäftigt sich mit Dominanzverhalten und
Aggressivität bei Bonobos.
Den zu den Menschenaffen gehörenden Bonobos sagt man nach, dass sie
besonders friedfertig seien, was sich auch darin äußere, dass sie keine
anderen Affen jagen. Dass dies nicht stimmt, konnte Surbeck zeigen: Eine
von ihm beobachtete, wildlebende Bonobogruppe hat sehr wohl andere
Affen verfolgt und dabei keine Sympathie für die Opfer gezeigt. In
seiner Doktorarbeit hat Martin Surbeck das Konkurrenzverhalten von
wildlebenden Bonobomännchen in einem Zeitraum von zwei Jahren erstmals
systematisch anhand von Verhaltensbeobachtungen und Hormonmessungen
untersucht. Die Resultate zeigen, dass Bonobomännchen eine lineare
Dominanzhierarchie formen, die sich im Zugang zu attraktiven Weibchen
widerspiegelt. Ranghohe Männchen, welche allgemein aggressiver sind als
niederranginge Männchen, kopulieren häufiger mit fruchtbaren Weibchen
und die Aggressivität steigt bei allen Männchen an, wenn die Weibchen
sich dem Konzeptionszeitpunkt nähern. Bonobos weisen also Merkmale von
Arten auf, in welchen die Männchen aggressiv um den Zugang zu Weibchen
konkurrieren. Daneben zeigte Surbeck, dass verschiedene
zwischengeschlechtliche Beziehungen ebenfalls eine wichtige Rolle in der
Paarungskonkurrenz spielen: So führen interessanterweise unter anderem
Interventionen von Müttern in den Paarungswettbewerb ihrer adulten Söhne
dazu, dass auch rangniedrige Männchen zu Kopulationen mit attraktiven
Weibchen kommen. Dies verringert den Effekt des Dominanzranges auf den
Kopulationserfolg von Männchen. Daneben deuten Testosteronwerte darauf
hin, dass die zwischengeschlechtlichen Beziehungen zu potentiellen
Sexualpartnern zu aggressives Verhalten während dem Paarungswettbewerb
verhindern.
„Die Verhaltensdaten geben völlig neue Einblicke in die
zwischengeschlechtlichen Beziehungen erwachsener Gruppenmitglieder und
beleuchten Aspekte wie beispielsweise die mütterliche Unterstützung von
erwachsenen Söhnen, die auch für andere Arten relevant sein dürften,
bislang in der Primatenforschung jedoch keine oder nur wenig Beachtung
fanden“, sagte Christophe Boesch, Direktor am Max-Planck-Institut für
Evolutionäre Anthropologie.
Stephanie Westendorff (30) aus Essen hat an der Ruhr-Universität Bochum
Biologie studiert. Schon in dieser Zeit hat sie sich für die
Elektrophysiologie interessiert, also für die Technik, mit der man die
Aktivität von Nervenzellen messen kann. Nach einem dreimonatigen
Forschungsaufenthalt an der Queens-Universität in Kingston, Kanada,
stand ihr Entschluss fest, auch ihre Doktorarbeit auf diesem Gebiet
anzufertigen. In der Arbeitsgruppe von Alexander Gail am Deutschen
Primatenzentrum bot sich der Hobby-Fußballerin dann die Gelegenheit, im
Bereich der Kognitiven Neurowissenschaften zu promovieren. „Die
Aussicht, die Aktivität einzelner Nervenzellen zu messen und
gleichzeitig das Verhalten der Tiere beobachten zu können und so mehr
über die Planung von Bewegungen zu lernen, war sehr reizvoll für mich“,
so Westendorff.
In ihrer mit „summa cum laude“, der höchsten Auszeichnung, bewerteten
Doktorarbeit hat sie untersucht, wie das Primatengehirn zielgerichtete
Armbewegungen plant und steuert. Bewegungen sind meist genau auf die
visuelle Wahrnehmung abgestimmt – wir sehen zum Beispiel ein Glas Wasser
und greifen danach. Aber auch vorhandenes Wissen und unsere
Entscheidungen spielen bei der Bewegungsplanung eine Rolle. Wir wissen,
dass Trinken Durst löscht und greifen nach dem Wasser, falls wir durstig
sind. „Von zwei stark verknüpften Regionen im parietalen und
prämotorischen Teil der Großhirnrinde weiß man, dass hier visuelle
Sinneseindrücke und erlernte Regeln zu einem Bewegungsplan verrechnet
werden“, so Westendorff. Sie hat die Informationsverarbeitung in diesen
beiden Hirnregionen genauer untersucht. Dafür wurde die neuronale
Aktivität vieler einzelner Nervenzellen parietalen und prämotorischen
Teil der Großhirnrinde von Makaken gemessen. Die Tiere führten
währenddessen eine Aufgabe aus, bei der sie visuelle Informationen mit
erlernten Regeln über räumliche Zusammenhänge zu einer Greifbewegung
kombinierten. „Die Doktorarbeit von Frau Westendorff trägt substantiell
zu einem besseren Verständnis von zielgerichtetem Verhalten bei Menschen
und Affen bei“, sagte Alexander Gail, Leiter der Sensomotorik-Gruppe am
DPZ.
Zur Zeit ist Stephanie Westendorff noch als Postdoc am DPZ, sie wird
jedoch Anfang nächsten Jahres nach Toronto, Kanada, gehen um dort ihre
neurowissenschaftlichen Forschungsarbeiten an Primaten fortzusetzen.
„Das Stipendium hilft mir, die erste Zeit in Kanada zu überbrücken, bis
mich das Institut dort finanzieren kann“, so Westendorff über die
Verwendung des Stipendiums.
Das Programm der Förderpreisverleihung am 1. November 2011 finden Sie im Internet unter: http://www.dpz.eu/index.php?id=1026
(Redaktion)
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Tags:- Forschungsarbeit
- Primaten
- Auszeichnung
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Bild Nr. 1 © Margrit Hampe / Deutsches Primatenzentrum GmbH

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