Kommentar
Formale Geschlechtergleichstellung reicht nicht
Alles gut in Germany? Nicht ganz. Da war doch was? In den Vorständen der großen Unternehmen in Deutschland müssen Frauen mit der Lupe gesucht werden, nur 3 Prozent sind Frauen. Hier reicht die formale Gleichstellung nicht hin. Von Dr. Elke Holst
PD Dr. Elke Holst
Forschungsdirektorin für Gender Studies
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin
http://www.diw.de
Vor 101 Jahren wurde zum ersten Mal der Internationale Frauentag begangen. Seitdem haben Frauen in vielen Ländern mehr Rechte erhalten. Dennoch gibt es immer noch etliche Staaten, in denen Frauen kaum eigene Rechte zugestanden werden.
Und es deuten sich auch immer wieder Rückschritte an. So sind etwa nach den Wahlen im Januar in Ägypten nur noch zwei Prozent Frauen im Parlament vertreten und somit weitgehend aus der politischen Öffentlichkeit verdrängt. Damit steigt die Befürchtung, dass sich auch ihre Rechte in dem nun wieder stärker religiös geprägten Staat verringern könnten. „Seite an Seite mit den Männern kämpften Ägyptens Frauen für Demokratie. Von der Macht aber bleiben sie auch nach der Wahl weitgehend ausgeschlossen“ konstatierte Die Zeit.
Anders dagegen in Deutschland. Hier steht eine Frau an der Spitze der Bundesregierung, ein Drittel ihrer 15 Minister/-innen sind Frauen. Ein etwa gleicher Anteil von Frauen befindet sich unter den Parlamentarier/-innen im Bundestag, wobei Bündnis 90/Die Grünen mit über 54 Prozent die relativ meisten Frauen entsenden und die CDU/CSU mit 20 Prozent die anteilig wenigsten. In Sachen Bildung haben Deutschlands Frauen in den letzten Jahrzehnten mehr als aufgeholt. Sie sind top qualifiziert – vielfach schließen sie mit besseren Noten ab als Männer.
Auch formal rechtlich sind Frauen in Deutschland gleichgestellt. Benachteiligungen wegen des Geschlechts sind verboten. Der Staat ist per Grundgesetz dazu verpflichtet, die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken. Alles gut in Germany? Nicht ganz. Da war doch was?
In den Vorständen der großen Unternehmen in Deutschland müssen Frauen mit der Lupe gesucht werden, nur 3 Prozent sind Frauen. Hier reicht die formale Gleichstellung nicht hin. Sie bleiben von der wirtschaftlichen Macht dort weitgehend ausgeschlossen. Macht, Geld und Einfluss will niemand gerne freiwillig hergeben, doch haben Männer einen historischen Vorteil: Männliche Monokulturen an der Spitze prägten die Vergangenheit und prägen auch heute die Norm in Führungspositionen.
Frauen müssen sich erst beweisen. Vorurteile etwa gegenüber ihrer Eignung halten sich hartnäckig. Meist gehen Frauen schon lange vor Erreichen einer hohen Führungsposition im Labyrinth der Karrierewege verloren. Der Verlust der weiblichen Talente stellt eine immense volkswirtschaftliche Verschwendung dar. Dies sollte sich Deutschland nicht länger leisten.
Was ist zu tun? In der Politik wird das Instrument der Frauenquote als Ultima Ratio ins Spiel gebracht, um die bestehenden Strukturen in der Wirtschaft aufzubrechen. Was männliche Selbstverpflichtung beim Thema Geschlechtergerechtigkeit hier in Spitzengremien bedeutet, lässt sich alljährlich im Managerinnen-Barometer des DIW Berlin nachlesen. Stagnation. Mehr als etwa drei Prozent Frauen in Vorständen werden seit Jahren in den großen Unternehmen in Deutschland nicht erreicht.
Und in den Aufsichtsräten? Dort sind Frauen mit einem Anteil von gut einem Zehntel vertreten, aber nur deshalb, weil das Gros von Arbeitnehmervertretungen entsandt wurde. Vor einem Jahr verkündete EU-Vizepräsidentin Viviane Reding, sie gäbe Unternehmen noch zwölf Monate Zeit, um das Problem der Unterrepräsentanz von Frauen in den Spitzengremien selbst zu regeln. Jetzt zog Viviane Reding ernüchtert Bilanz. Die Situation hat sich kaum verbessert. Am Montag lies die EU-Kommission deshalb wissen, dass sie eine Frauenquote favorisiert. Wir dürfen gespannt sein, wie die weiteren Schritte zu deren erfolgreicher Umsetzung aussehen.
Quelle DIW Wochenbericht 7.März 2012
(Elke Holst)
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